Schnitt-Naht-Zeit (SNZ)

Ein Tabuthema im OP. Die Schnitt-Naht-Zeit umfasst den Zeitraum der Kern-Operation. Diesen Zeitraum verantwortet in der Regel der Operateur. Üblicherweise wird hierüber nicht diskutiert. Es wird als zu starker Eingriff in die Autonomie des Operateurs gesehen. Warum eigentlich? Warum soll es nicht möglich sein, eine kollegiale, offene und ehrliche Diskussion über verschiedene Aspekte der OP zu führen? Wir sind es nicht gewohnt und in den meisten Kliniken gibt es keinen Raum für eine solche innerärztliche Diskussion.

Welche Einflussfaktoren gibt es in der Schnitt-Naht-Zeit (SNZ)?

  • Art der Operation: Der gleiche Eingriff kann durch unterschiedliche Operationstechniken erfolgen. Implantate, benutzte Instrumente und Vorgehensweisen können differieren.
  • Individueller Situs des Patienten: jeder Patient ist anders, individuelle Schwankungen von Patient zu Patient also vorprogrammiert.
  • Zugang: Der Zugang kann unterschiedlich sein und dadurch recht unterschiedlichen Aufwand auch innerhalb der Schnitt-Naht-Zeit erzeugen.
  • Grad der Beeinträchtigung des Patienten durch andere Erkrankungen: Die Narkose eines multimorbiden Patienten kann anspruchsvoll sein. Unterbrechungen der OP können die Folge sein.
  • Erfahrung Operateur: Die generelle operative Erfahrung und die Erfahrung beim konkreten Eingriff hat Einfluß auf die SNZ.
  • Fachliche Fähigkeiten des Operateurs: je größer die Wissensbasis des Operateurs, desto besser. So kann er bei Komplikationen auf ein größeres Repertoire zurückgreifen und wird nicht unnötige Zeit bei nur bedingt sinnvollen Interventionen verlieren.
  • Persönlichkeitsstruktur: die persönliche Herangehensweise ist ebenfalls Tabuthema, vielleicht das Größte. Detaillierte Vorgehensweise, Schnelligkeit, Sicherheitsdenken sind unterschiedlich ausgeprägt.
  • Erfahrung Anästhesist, Fachliche Fähigkeit des Anästhesisten, Persönlichkeitsstruktur, Teamfaktor Anästhesie Arzt-Pflege: gilt analog
  • Qualität der operativen Assistenz: ein eingespieltes Team am Tisch, das sich wortlos verständigt, senkt deutlich den Stressfaktor und erhöht Qualität und Tempo. Das ständige Anlernen von neuen Mitarbeitern ist kräftezehrend.
  • Qualität der Instrumentation: auch hier gilt: wortloses Miteinander, auch in kritischen Situationen, ist stressreduzierend und wirkt sich positiv auf Zeit (und hoffentlich das OP-Ergebnis) aus. Ausbildung oder Pausenwechsel wirken sich negativ auf das Tempo und die Qualität aus.
  • Qualität des Springers: Auch bei Standardoperationen muss oft improvisiert werden. Das schnelle und flexible Reagieren in einem eingespielten Team ist auch hier ein Segen. Der Springer muss sich mit der OP, den benutzten Sieben und Lagerhaltung evtl. zusätzlich notwendiger Materialien auskennen.

Fazit: Innerhalb dieser selten diskutierten Zeit entpuppen sich eine Vielzahl von eklatant wichtigen Faktoren, über die selten gesprochen wird.

Und hier die entsprechende Checkliste für optimale Verhältnisse:
  • Der Eingriff ist standardisiert und die Vorgehensweise allen Beteiligten bis ins Detail bekannt.
  • Der individuelle Patient ist im Vorfeld bekannt, die Operation wurde individuelle geplant.
  • Der Zugang ist standardisiert, die entsprechende Lagerung allen bekannt, der Zugang ermöglicht eine zügige und schonende Operation.
  • Der Patient ist bezüglich seiner anderen Erkrankungen stabil und auf die OP eingestellt worden
  • Anästhesieseitig findet sich ein erfahrenes, eingespieltes Team.
  • Der Operateur ist erfahren. Diese stützt sich nicht nur auf den eigenen OP-Betrieb, sondern auf eine vom Arbeitgeber geförderte und geplante Ausbildung (Theorie, Praxis, Kongresse, Hospitationen...)
  • Persönlichkeitsstrukturen und Vorlieben können im Team der Operateure offen diskutiert werden.
  • Die operativen Assistenten sind erfahren, engagiert und motiviert.
  • Die Instrumentation und das „Springen“ erfolgen durch erfahrene, eingearbeitete Kolleginnen.

Die Realität ist meist anders. Und Tabuthema.